Bericht: Radtour – Nietzsche und was hart macht

Zeche Rheinpreussen Foto: ADFC Dinslaken-Voerde

Donnerstags wird gefahren, und das immer. Warum? Weil wir immer donnerstags fahren, und dann, weil’s für die Gesundheit gut ist. Fahrrad fahren beugt Schnupfen und Heiserkeit vor, hilft gegen Depression, reinigt den Verstand, ist ein Mittel  gegen Vereinsamung und vielleicht sogar auch        gegen den Coronavirus, der jetzt in aller Munde ist, aber nur verbal. Ob es hilft, sei es auch nur vorbeugend, das ansonsten hervorragende „Kraut“ Radfahren, bedarf noch der  wissenschaftlichen Überprüfung. Nehmen wir mal an, es stimmt. Auf alle Fälle  ist dann Schluss mit Händchen schütteln. Umarmung und Küsschen Geben. Letzteres ist bei uns Radlermenschen (zum Glück) kein Brauch. Also ab sofort Begrüßung, wie sie im asiatischen Raum Sitte ist: leichte Verbeugung!

Moers im Regen Foto: ADFC Dinslaken-Voerde

Moers im Regen Foto: ADFC Dinslaken-Voerde

Nach und nach trudelten ein paar Mannen ein. Landauf Landab war ja Regen angekündigt worden. Aber was meinte Herr Nietzsche (*1844) in seiner philosophischen Weisheit? „Gelobt sei, was hart macht“. Mit Sicherheit hätte er das auch den Fahrradfahrern zugerufen, hätte es sie damals in größerer Anzahl gegeben. War aber nicht, denn erst wenige Jahre zuvor, hatte Herr Drais seine Laufmaschen entwickelt und eine Tretkurbel gab es nicht vor 1861.

Schluss mit der Vorbemerkung: Wir erreichten die Stadtgrenze von Dinslaken. Von da an hat es an dem Donnerstag der 9.Woche begonnen zu regnen – und hörte nicht auf. Das hätte uns weich machen können. Hat es aber nicht. Man könnte Herrn Nietzsche beipflichten, „ja, das stimmt!“. Wären wir um Magdeburg herum gefahren, hätten wir nur 1 l/qm abbekommen, in Freiburg/Breisgau dagegen 29,2 l/qm, wo auch noch Schnee dabei gewesen sein mag. Auf uns rieselten lediglich 6 l/qm herab, und wer von uns deckt schon einen ganzen Quadratmeter ab! So konnten wir uns mithin glücklich preisen und neun Mann hoch dieses bisschen Glück schließlich genießen. Es war uns über 68 von 73 geplanten Kilometern vergönnt, mit allen Umkürzungen und Hügelchen.

Der TL hatte, so wurde deutlich, die Strecke überaus ideenreich zusammen gestellt und einige Tage zuvor sorgfältigst geprüft. Wen wundert’s da, dass er nun, nur der paar Liter Regenwasser wegen keine Wegkrümmung, kein Eckchen oder Sträßchen auslassen wollte, zumal der „Gegenregen“, wie einer es formulierte, und Wind, zu vernachlässigende Größen waren.

Am Üttelsheimer See - mit Seeblick Foto: ADFC Dinslaken-Voerde

Am Üttelsheimer See – mit Seeblick Foto: ADFC Dinslaken-Voerde

Nun starteten wir wie immer und unverzagt am Rathaus in Voerde. In Dinslaken harrte unser noch ein weiterer Mitradler. Die erste Fahrtunterbrechung war an der Moschee in Hamborn. Dort hatte man uns schon mal zum Tee eingeladen hatte, aber der Einladung konnten wir damals nicht folgen. Auch nun stand uns nicht der Sinn nach einer Teepause. Im weiteren Verlauf führte uns der TL auf nicht immer „verkehrsarmen Wegen“, womit man ja sonst eine ADFC-Tour zu bewerben pflegt, über die 1954 wieder hergestellte Friedrich-Ebert-Brücke durch Homberg zu dem Üttelsheimer See, den wir in Gänze  umrundeten.

Mir kamen dabei die Zeilen aus Schillers Wilhelm Tell in den Sinn: Es lächelt der See, er ladet zum Bade, Der Knabe schlief ein am grünen Gestade, /Da hört er ein Klingen,(nicht „Klingeln“, d.Vf.) /Wie Flöten so süß, /Wie Stimmen der Engel /Im Paradies.“ Was sich uns  darbot, stellte demgegenüber geradezu ein Anti-Bild dar. Bei der Witterung war dem Baggerloch, genannt Üttelsheimer See, offenbar das Lächeln vergangen. Und 9 Grad Außentemperatur veranlassen allenfalls Enten oder närrische Strandbader, sich ins Wasser zu stürzen, und das auch nur zum Jahreswechsel in Holland, in Fedderwarder Siel oder anderswo. Hier nicht! Grün beschränkt sich zudem in dieser Jahreszeit auf scheints unvergängliche Pflänzchen zwischen den entlaubten Bäumen. Ganz und gar nicht grün waren des  Baggerlochs „Gestade“.

Schließlich pausierten wir in einer Schutzhütte mit Seeblick, dem man  in einer Werbebroschüre wahrscheinlich das Adjektiv „bezaubernd“ hinzugefügt hätte, unabhängig vom Wahrheitsgehalt und abgesehen davon, dass dererlei Bilder immer klaren Himmel und Sonnenschein zeigen. Immerhin war das Dach des geräumigen, runden Unterstandes dicht. Dass niemand „Medizin“ dabei hatte, war sehr bedauerlich: Hier wären Zeit und Ort gewesen für eine derartige Wohltat. Drei, vier badende Enten lockerten die graue, vom Regen verhangene Aussicht auf. Nicht einmal Hundehalter stiefelten mit ihren Viechern durchs nasse Gelände.

Der TL bläst zum Aufbruch. Es geht in die Innenstadt von Moers. Ich bekomme den „Regenblick“. Das bedeutet, ich sehe das Pfützchen unmittelbar vor mir auf meinem Regenumhang schwappen, das Wasser  hoch schleudernde Hinterrad des vor mir Fahrenden, Verkehrsschilder, Ampeln, Menschen, kurz alles, was zu einer nicht-verkehrsarmen Wegführung gehört. Könnte sein, dass wir da schon einmal gewesen sind, kommt mir in den Sinn, als die Zeit der Weihnachtsmärkte Ziel vieler Busunternehmen war? Und wir hatten diesen Platz schon einmal angesteuert? Zu allem Überfluss heißt uns, wie vom TL angekündigt, ein Schild als Radfahrer abzusteigen und die Fahrzeuge zu schieben. Mögen es hundert oder zweihundert Meter sein: glatte Schikane, zumal bei dem Regen. So kommen wir unversehens auf einem überschaubar großen, idyllischem Marktplatz an und stehen vor der „Einkehrstation“, wie uns der TL verkündet.

Moers Cafe Extrablatt Foto: ADFC Dinslaken-Voerde

Moers Cafe Extrablatt Foto: ADFC Dinslaken-Voerde

Drinnen ist es warm und trocken, geräumig und zugleich behaglich eingerichtet, eben „gemüüütlich“, derart, dass nicht einmal das hinter unserem Tisch flackernde und neuste Neuigkeiten verkündende Fernsehbild stört. „Extrablatt“ nannte sich das Etablissement. Verglichen mit anderen Erfahrungen erhielten wir, die Durchnässten, Hungernden und Dürstenden geradezu blitzartig das Bestellte, wenn auch zu etwas angelifteten Preisen. So konnte der TL rechtzeitig wieder zum Aufbruch blasen.

Die Wegequalität der nun folgenden Strecke bewegte sich mitunter beim „Strubbelgrad“ 4. Zur Erinnerung: 1 ist sehr gut, Asphalt, Autostraßenqualität. Mit „Strubbelgrad“ 5 hat man es mit einem „Single Trail“ zu tun, wie die Dame vom Komoot-Navi Wege und Pfade nennt, denen man keinen Namen gegeben hat. Da kann einen schon einmal ein umgestürzter Baum oder grundloser, weicher Sand zum Absteigen, Schieben oder gar Tragen des Rades zwingen. Vor uns liegende und zu befahrende Wegstücke verdienten, könnte man sagen, den Grad 4,: rutschiger Schlamm, Weg unter Wasserflächen, kleinen Kanälen gleichend, immerhin alles durch- und befahrbar. Ein Narr nur, wer sein Fahrzeug zuvor auf Hochglanz gebracht hatte, und ein solcher Narr war ich. Fahrrad sah am Ende aus wie Sau! Klar gestellt sei jedoch, dass diese Wegbeschaffenheit nicht dem TL anzulasten war, sondern den sechs Litern Wasser pro Quadratmeter. Dass sich hernach der eine oder andere aus der kleinen Gruppe auf anderen Wegen gen Heimat davon machte, war nicht in Frust oder gar Ärger begründet, sondern privater Termine wegen konnten sie nicht dabei bleiben. So waren wir, als wir am Ausgangsort gegen 18 Uhr wieder ankamen, nur noch fünf gehärtete Mannen(!)

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