Bericht: Radtour – „Peterchens Mondfahrt“ ohne Mond

Kein Mond Foto:Wolfgang Beier, ADFC

Hänsel und Gretel verirrten sich

Nein, wir verirrten uns nicht, auch wenn es zappenduster im nunmehr sehr finsteren Wald, dem Dämmerwald, war. Dank Navi fanden wir den Weg zum Fuchsbau. Und ohne? Hätten wir umherirrend   schließlich auch noch wie Hänsel und Gretel, das Hexenhaus gefunden, „das Häuslein aus Brot gebacken … und mit Kuchen gedeckt“, und uns dann an Bienenstich und Frankfurter Kranz gütlich tun können? Vermutlich nicht. Andere, vielleicht sogar herumirrenden Radler, hätten es schon aufgefressen. Zugegeben: der mit Navi-Hilfe gefunden Fuchsbau war zwar sehr viel weniger romantisch, als jenes von Gebr. Grimm beschriebene „Häuschen“. Außerdem gab es da nix mehr zu essen. Die Küche machte um 21 Uhr dicht, und wir kamen fünf Minuten später an. Aber vielleicht hätten wir doch noch den Koch erweichen können, etwas zuzubereiten, vielleicht sogar ein Schnitzel mit dem Wortanhängsel „Jäger“ oder eine schlichte Bulette. Allein, die Daheimgebliebenen hätten sich gegrämt, wo wir denn blieben, hätten mit Sicherheit phantasiert: Sturz über Wurzel,  geplatzter Reifen, eine Einkehr, die zum Besäufnis ausartete?

So mahnte ich nach fünfundvierzig Minuten zum Aufbruch und wer wollte, konnten gegen 22.30 Uhr am heimischen Wohnzimmertisch noch einen „Absacker“1) zu sich nehmen.

Begonnen hatte das ganze Unternehmen, „Peterchens Mondfahrt“ als Headline, in Voerde, fünfzig Meter vom üblichen Treffpunkt entfernt. Lärmender Kirmesbetrieb auf dem Marktplatz erforderte den Standortwechsel. War ich vergeblich nach Dinslaken gefahren – vergeblich insofern, als dort kein einziger Mensch meiner zum Mitfahren harrte -, erwarteten mich hier acht zur Tour Entschlossene. Ihnen die „Mantras“ vorzutragen ist überflüssig, meinte ich, weil alle der Geheimnisse des Gruppenfahrens kundig sein müssten. Ein Irrtum war das, wie sich herausstellte. Einer ließ sich mit seinem Akku-Fahrrad ob des gemächlichen Tempos nicht zurückhalten, bretterte die Steigung an der durch Ölpellets in Verruf geratenen Deponie hinauf. Das veranlasste mich zu der Bemerkung, wenn er oder mehrere vorausführen, könnte ich ja ruhigen Gewissens umkehren und den Abend für mich im behaglichen Sessel ausklingen lassen. Mithin ist offenbar auf das Vortragen der Mantras nicht zu verzichten.

Nachdem wir in der Finsternis nicht ohne Unfallrisiko vor Schermbeck die Straßenseite zum „benutzungspflichtigen Radweg“ gewechselt hatten, erreichten wir den Teich im Ort, wo wir donnerstags, wie auch sonst, wenn wir in der Gruppe radelnd hierhin kommen, eine Pause einzulegen pflegen. So auch nun. Ich aktivierte mein Navi, andere zogen der zunehmenden Kühle wegen etwas über, und dann ging es in den Dämmerwald. Das große Kommunikationsbedürfnis überlagerte das Knirschen der Reifen auf dem etwas „strubbeligem“ Weg und leider auch den sich klagend anhörenden Ruf eines Käuzchens in der Finsternis. Rechts und links des Weges schwarze Baumwände und über uns sternloser, bedeckter Himmel, vor uns im unruhig hin und her wandernden Lichtkegel der Weg.

In der durch den Jakobsbrunnen bekannten Wegkreuzung, ließ ich anhalten, um, wie zu Beginn der Tour angekündigt, während drei, als lang erscheinenden Minuten Stille zu hören, ‚Ohrenfasten‘ zu üben. „Wenn die Idee vom Ohrenfasten die Runde macht“, so Dörig,  „dann ist ein guter Anfang gesetzt“, verblasst der Mythos der Schnelligkeit und viele entdecken, dass Langsamkeit. Eile und Streß Feinde der Stille sind.2) Darüber, ob die Geräusche, die nun aus der Ferne an unsere Ohren drangen, brünstigen Hirschen zuzuordnen waren, konnte keine hundertprozentige Einigkeit erzielt werden.

Mond_Runde Foto: ADFC Dinslaken-Voerde

Mond_Runde Foto: ADFC Dinslaken-Voerde

Im Fuchsbau war endgültig Schluss mit Stille. Menschen am Nachbartisch sprachen miteinander, wie Senioren, deren Hörgeräte nicht betriebsbereit sind. Wir genossen dennoch Bier oder Spezi, einige stellten Überlegungen über den Cheftrainer der Bayern, Nico Kovač,  und die Mönchengladbacher an, nachdem diese mit einem 0:3 Sieg aus dem kurz zuvor beendeten Spiel hervorgegangen waren.

Als wir dann in der Ferne die roten Lichter der still gelegten STEAG sahen, wussten wir mit Sicherheit, die Heimat ist nah.

Übrigens, mit dem üblichen Vorbehalt: nächste Mondscheintour soll am Samstag, den 12.Okt.2019 sein. Ist also schon mal vorzumerken      

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  • Näheres zu diesem Ausdruck s. Wikipedia
  • Bruno Dörig „aus der Herzmitte“, Eschbach o.J., S.11

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